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Tätigkeitsbericht

Marco Amherd

Vom Zauber des Zusammenspiels

Vielleicht haben der Grossvater und der Urgrossvater als Organisten in der Kirche Gampel zum Werdegang ihres Nachfahren unwissentlich beigetragen. Zwar meint der 31-jährige Organist und Dirigent Marco Amherd – dessen Cousine die erfolgreiche Sängerin Sina ist –, dass er nicht aus einer ausgeprägt musikalischen Familie stamme. Obwohl der vielfach Ausgezeichnete schon immer wusste, dass er sich die Musik zum Beruf machen würde, hat er nebenbei noch Wirtschaftswissenschaften studiert – «aus Interesse an der Welt», wie er sagt.

 

Nicht älter als neun Jahre alt war der gebürtige Gampjer, als er an der Seite seiner Klavierlehrerin in der Kirche Gampel seinen ersten Auftritt an der Orgel mit Gesangsbegleitung hatte. Später, während seiner Gymnasialzeit in Sitten – er hat die Matura auf Französisch mit Schwerpunkt Mathe/Physik gemacht –, hat der vielseitig Begabte Gesangsstunden genommen. «Das kommt mir als Chorleiter heute zugute», sagt Marco Amherd, der einen Lehrauftrag für Chorleitung an der Zürcher Hochschule für Künste innehat. Zudem ist der junge Mann mit den leuchtend grünen Augen künstlerischer Leiter des Schweizer Vokalconsorts, das alte und zeitgenössische Musik miteinander verbindet. Auch den Davos Festival Kammerchor leitet er seit 2018. «Das Spannende am Dirigieren ist die Interaktion mit anderen Menschen», meint der junge Dirigent, der als Organist auch Solo-Konzerte gibt, 2019 etwa in New York, Portugal und Bremen. «Klar, Fachkompetenz ist als Dirigent Voraussetzung», sagt Marco Amherd. «Nicht weniger wichtig aber sind Einfühlungsvermögen und Motivationsfähigkeit, wenn man mit einem Chor etwas Schönes auf die Beine stellen will. Und das Wichtigste überhaupt: die Freude am gemeinsamen Projekt.»

Begeistert äusserst sich der sympathische junge Mann, der sich, obwohl in Gampel aufgewachsen, als «geborenen Stadtmenschen» bezeichnet, auch zu seiner langjährigen Zusammenarbeit mit dem Vokalensemble Zürich West. 2017 gewann er mit dem Chor unter anderem den 1. Preis in der Elitekategorie des schweizerischen Chorwettbewerbs. Und im Juni 2019 wird das Ensemble am internationalen Kammerchorwettbewerb in Marktoberdorf auftreten. «Diese Auswärtsauftritte sind natürlich auch immer mit viel Spass verbunden», erzählt der 31-Jährige. So hat er etwa eine Konzertreise nach Korea mit dem Jugendchor der Musikschule Konservatorium Zürich MKZ – wo er seit 2015 als Dozent für Orgel tätig ist – in bester Erinnerung. «Klassische Musikerinnen und Musiker werden in Korea wie Popstars behandelt», berichtet er schmunzelnd, «und da der Jugendchor aus lauter Frauen besteht, kann man sich den Aufruhr dort lebhaft vorstellen.»

Was einen bei Marco Amherds Lebenslauf doch ein wenig irritiert: Wie hat er das alles nur unter einen Hut gebracht? Der Mann mit Jahrgang 1988 studierte Dirigieren und Orgel/Kirchmusik, machte also das Konzert-, Lehr- und Solistendiplom. «En passant» studierte er Wirtschaftswissenschaften, und seine Studien, heisst es, schloss er jeweils mit Auszeichnung ab. Trotzdem macht der 31-Jährige, der zum sportlichen Ausgleich Kraft und Kondition trainiert, einen durchaus entspannten Eindruck. Hatte er denn nie Angst, ob all dem Lernen seine Jugend zu verpassen? Marco Amherd lacht: «Nein, ich hatte nie das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben. Das ist alles eine Frage der Effizienz.» Und schliesslich, meint er, bewege er sich ja auch nicht nur in Musikerkreisen. Seine langjährige Lebenspartnerin, auch sie Walliserin und sehr musikaffin, sei Hebamme, und so bekomme er durchaus auch etwas von «anderen Welten» mit.

Die Liste der Preise, die er als Organist an zahlreichen renommierten Wettbewerben gewonnen hat, ist lang. «Für die Publicity ist die erfolgreiche Teilnahme an Wettbewerben wichtig», erklärt Marco Amherd. Ob er denn nie Lampenfieber habe? «Höchstens eine positive Nervosität», erwidert der Gampjer lächelnd. Als Organist sei man halt allein auf der Bühne. Daher geniesse er die Auftritte als Dirigent im Zusammenspiel mit dem Chor umso mehr. «Da kann es schon vorkommen, dass während des Konzerts dieser einmalige Zauber entsteht», sagt er mit leuchtenden Augen. «Nämlich dann, wenn man die Aufmerksamkeit des Publikums im Rücken spürt und jene des Chors vor Augen hat. Und auf einmal wechselt man unvorbereitet das Tempo, weil das gerade der perfekte Moment ist. Dann entsteht – Magie.»

Und wie bringt er, der Jung-Dirigent, zum Teil wesentlich ältere Sängerinnen und Sänger dazu, seine Anweisungen zu befolgen? «Heute ist das kein Problem mehr. Am Anfang wars schon nicht immer leicht», meint er im Rückblick. Marco Amherd hat von 2016 bis 2018 als Stipendiat im Dirigentenforum des Deutschen Musikrats mit so renommierten Ensembles wie dem NDR-Chor oder dem Chor der Dresdner Semperoper gearbeitet. «Früher hat man mir manchmal gesagt, ich solle als Dirigent weniger nett sein und autoritärer auftreten», erinnert er sich. «Aber irgendwann habe ich gemerkt: Ich bin nett, das ist meine Natur, und Authentizität kommt immer am besten rüber.»

Und wo sieht sich der junge Mann in zehn Jahren? «Ich bin offen für alles», erwidert Marco Amherd ohne zu zögern. «Reizen würde mich etwa der Job eines Festival-Intendanten. Das Ausarbeiten von komplexen Programmen mit den damit verbundenen Recherchen haben’s mir besonders angetan.» Bleibt uns nichts anderes, als dem talentierten Gampjer viel Erfolg für seine Zukunft zu wünschen. Und wenn man ihn mit leuchtenden Augen von dem unwiederbringlichen Augenblick nach einem gelungenen Konzert erzählt, will man nur noch eins: diesen Zauber höchstselbst miterleben.   

www.marcoamherd.com

Fotos: ©Olivier Lovey
Text: Cornelia Heynen
Erschienen am 1. Juni 2019

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