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Tätigkeitsbericht

Estelle Poscio

Die Lyriksängerin mit den schönen Beinen

Estelle Poscio empfängt uns in ihrem Chalet in Veysonnaz. Ihr Gesicht ist sonnengebräunt, und ihr offenes Lächeln zeugt von ihrem fröhlichen Gemüt, ihrem einnehmenden Wesen. Die Freude, uns am Fuss ihrer geliebten, kraft- und energiespendenden Berge begrüssen zu können, ist der Künstlerin anzusehen. Mit ihren 29 Jahren hat die junge Mutter und Lyriksängerin bereits eine Laufbahn hingelegt, die sie auf die grossen Bühnen Europas katapultiert. Die Klangfarbe ihrer Stimme, Sopran, trägt sie hoch über die anderen Stimmlagen – Alt, Tenor oder Bass – hinaus. Überhaupt scheint «an Höhe gewinnen» eine Art Leitmotiv im Leben der jungen, talentierten Sängerin zu sein.

Als Tochter eines Physikers und einer Physiotherapeutin ist Estelle die Liebe zur Musik nicht in die Wiege gelegt worden, und nichts und niemand – auch im Verwandtschaftskreis nicht – deutet auf eine musikalische Karriere hin. Als die 7-Jährige eine von der Schule in Muraz aufgeführte musikalische Komödie sieht, ist es um sie geschehen: Das Singen hat es ihr angetan. Ihr Gesangslehrer am Konservatorium in Sitten ist kein Geringerer als Jean-Luc Follonier, gleichzeitig Projektleiter bei «Ouverture Opéra». Er ist es, der der noch unerfahrenen Sängerin im Alter von 20 Jahren 2010 zu ihrem ersten Bühnenauftritt und zur Rolle der Zelinda in «Don Giovanni» verhilft:

« Ich weiss nicht, womit ich gesungen habe », gesteht sie uns lachend, «aber ich habe es getan.» Und zwar richtig. Eine Erfahrung, die sich zwei Jahre später wiederholt, dieses Mal mit «Alcina» in der Rolle der Morgana. Estelle Poscio, die einst von musikalischen Komödien träumte, findet sich in der tiefgründigen und imposanten Welt der Oper wieder. Sie beginnt sich dafür zu begeistern und schreibt sich an der Zürcher Hochschule der Künste ein. Jetzt wird es ernst, und sie strebt den Master an, den sie 2015 erwerben wird.  

Estelle studiert bei Jane Thorner-Mengedoth, die sie sanft, aber bestimmt anleitet, ihre Stimme auszubauen. «Die Arbeit an der Gesangstechnik ist vergleichbar mit der Pflege eines Kleinkindes. Man muss es mit Sorgfalt tun, denn alles kann auf uns einwirken und unsere Stimme verändern.» Das Vertrauensverhältnis zur neuen Dozentin ist zukunfts- und richtungsweisend. Wie schützt man seine Stimme überhaupt? «Mit Lebensfreude», antwortet Estelle Poscio, als wär’s das Natürlichste auf der Welt. «Freude nährt wie Schokolade», fährt sie lachend fort, indem sie sich ein grosses Stück schwarze Schokolade vom Tisch nimmt. Dann fügt sie ernsthafter hinzu: «Auch eine gute Gesundheit ist wichtig. Alles, was mich stärkt, kommt mir und also auch meiner Stimme zugute.»   

Auf der Bühne, ohne Mikrofon und Bühnentricks, muss die Stimme über das Orchester hinaus bis zu den Zuhörern in der letzten Reihe tragen, egal, ob es sich um einen kleinen oder einen grossen Saal handelt. Das braucht viel Energie, eine kräftige Stimme und eine ausgezeichnete körperliche Verfassung, die man sich nicht unbedingt im Fitnesscenter aneignen muss. Um sich fit zu halten, wandert die junge Sängerin lieber an der frischen Luft oder geht schwimmen. « Auf der Bühne gibst du deine ganze Energie, deine ganze Stimme dem Publikum. Das ist heftig. Darum liebe ich die Oper, die mir das Gefühl von Grösse und von Souveränität verleiht. Und sie ist amüsant und inspirierend, weil man in viele unterschiedliche Rollen schlüpfen muss.» So muss die Sängerin je nach Rolle Tango tanzen oder sich auf eine bestimmte Art bewegen lernen oder ihre Fremdsprachenkenntnisse verbessern.  

Heute, nach 7-jährigem Studium in Zürich und der Teilnahme an den Salzburger Festspielen im Rahmen des «Young Singers Project 2013», steht Estelle Poscio am Anfang einer Freelance-Karriere. Zu diesem Schritt inspiriert hat sie der Umstand, dass sie kürzlich für die Oper « L’ombre de Venceslao » («Der Schatten Venceslaos») engagiert worden ist – eine prägende Erfahrung, wie sie sagt. Jetzt steht ihr eine grossartige Tournee in Frankreich bevor, die sie von den grössten Häusern bis in kleinere, stimmungsvolle Säle führen wird. Und wie damals bei «Don Giovanni» wird ihr knöchellanges Kleid für die Rolle der China während der Proben Tag für Tag gekürzt, bis es am Abend der Premiere als Minirock enden wird. Ist sie also die Lyriksängerin mit den schönen Beinen und der kraftvollen, von Fröhlichkeit und Lebensfreude durchdrungenen Stimme? « Estelle Poscio brilliert mit ihren Höhen und der vollkommenen Beherrschung von grossen Intervallsprüngen», schreibt Arnaud Saura-Ziegelmeyer in «Bachtrack». Bleibt nichts anderes, als der Sängerin mit dem strahlenden Lächeln eine lange, erfüllende Karriere zu wünschen, in der sie weiterhin glänzen und uns so bezaubern wird, wie sie uns an diesem Frühlingstag am Fuss der Walliser Berge bezaubert. 

www.estelleposcio.com

Estelle Poscio « Ah se il crudel periglio » Mozart
Estelle Poscio « Lied der Lulu » Berg

Erschienen: 1. Mai 2019
Text (französisch): Sophie Michaud
Deutsche Übersetzung: Heynen Cornelia
Fotos : © Olivier Lovey

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