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Tania und Sarah Simili

Die mit dem Wolf laufen

Der Geruch von Sägemehl, die Bewegungen am Trapez, die Schminke der Clowns, die Eleganz der Pferde…, wer hat nicht diese Bilder oder Erinnerungen im Kopf und diese Düfte in der Nase, wenn er das Wort Zirkus hört? Der Zirkus verleitet zum Träumen, weckt unsere Vorstellungskraft und entführt uns für einen Abend lang in eine bezaubernde Märchenwelt. Dieser Welt gehört die Leidenschaft der Schwestern Tania und Sarah Simili seit Kindertagen.

Als kleine Mädchen nahmen sie Tanzunterricht in Siders. Eines Tages stiessen sie auf eine Anzeige der Zirkusschule Zôfy. Die beiden Bewegungsmenschen meldeten sich sofort an. Sie lernten sich am Vertikaltuch zu bewegen, das Gleichgewicht am Trapez zu halten und nach und nach machten sie mit allen Zirkusdisziplinen Bekanntschaft. Erst viel später wählten die Künstlerinnen ihre Spezialdisziplin. Für Tania, die jüngere der beiden, wurde bald einmal klar, dass sie mit Jonglierkeulen und dem Vertikaltuch arbeiten wollte. Sie baut ihre Nummern aus langsamen, geschmeidigen Bewegungen auf. Jeden Tag trainiert sie mindestens drei Stunden. «Der Körper hat eine angeborene Intelligenz. Wenn wir auf ihn hören, macht er vieles mit.» Aber wer beschäftigt sich in einer Zeit, in der eher der Intellekt gefragt ist, noch so intensiv mit dem Körper? Tania Simili liess sich von Michel Foucaults Essaye «Le corps utopique» oder Clarissa Pinkolas «Femmes qui courent avec les loups» inspirieren. Ihre Master-Arbeit an der Universität Louvain-La-Neuve in Belgien widmete sie ebenfalls dem Körper.

Die ältere der beiden, Sarah Simili, verfolgt seit ihrem 18. Lebensjahr andere Ziele. Sie beschäftigt sich mehr mit Schülern oder Veranstaltern, anstatt mit akrobatischen Geräten. Ihre Eltern machten sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft. Ohne Ängste zeigte Sarah ihnen, dass sie sich sehr wohl zu behaupten wusste und bot Zirkuskurse für Kinder in Monthey an. Mit 15 Schülern begann sie, aber schon sehr bald wuchs dieses Projekt. Neue Lehrer mussten gefunden und neue Räumlichkeiten gemietet werden für die Zirkusschule «ArtScéniK» im Chablais. Im Jahr 2012 leitete Sarah Simili eine kleine Untermehmung mit 450 Schülern und 20 Lehrern für Zirkus, Theater und Tanz. Obwohl die Schule florierte, entschloss sich Sarah Simili dieses Jahr damit aufzuhören. «Ich wollte etwas anderes machen. Schreiben, Regie führen, inszenieren. Deshalb gab ich die Direktion der Schule auf und machte mich auf einen anderen Weg. Später möchte ich einmal ein Zirkuszentrum einrichten, bei dem eine Zirkusschule, Residenzen zur Kreation und der Vertrieb von Produktionen unter einem Dach angesiedelt sein sollten.  Ein Traum, aber vielleicht kann ich ihn eines Tages verwirklichen.»

Die beiden Schwestern Simili folgen zwei verschiedenen Richtungen. Die eine eher einsiedlerisch, oft mutterseelenalleine, sieben Meter über dem Boden. Die andere umgeben von Schülern und der Kopf voller Projekte. Nichtsdestotrotz möchten beide ihre Welten wieder vermehrt zusammenführen und eine gemeinsame Geschichte erschaffen. Aus diesem Gedanken ist die Künstlergruppe «Courant d’Cirque» und deren erste Produktion «Plasma» entstanden.

Dieses Spektakel soll zum Nachdenken über den Gebrauch von Plastik anregen. «Wir sind sensibel für die Umwelt, aber keine Aktivistinnen. Respekt und Toleranz sind wichtige Werte für uns.» Beide respektieren die Kompetenzen der anderen. «Da wir Schwestern sind, brauchen wir nicht über alles zu reden, um uns zu verstehen», sagen die beiden lachend.

Ihre harte Arbeit, ihre Werte und die Bereitschaft zum Risiko blieben nicht unbemerkt. Da gibt es die Sängerin Alice Torrent, die Gefallen fand an «Plasma» und Bilder davon in ihrem Video-Clip «Phantom Limb» integrierte. Auch die Dienststelle für Kultur des Staates Wallis interessiert sich für die beiden Schwestern. Ubrigends der erste Kanton, der den Zirkus in seiner Kulturpolitik erwähnt. Der Förderpreis 2017 wurde den Schwestern Simili von der Staatsrätin Esther Waeber-Kalbermatten überreicht. «Die Wertschätzung, die mit diesem Preis einhergeht, ermutigt uns die eingeschlagene Richtung weiterzuverfolgen, auch wenn es manchmal hart ist und wir uns 1000 Fragen stellen.»

Wenn man all die Projekte sieht, die sie realisiert haben wie ProCirque, Collectif Filamain, EnCirqué !, Axé Cirque, LABO’Cirque u.s.w. fragt man sich manchmal, wie sie das alles schaffen. Es erstaunt nicht, dass ihre nächste Kreation von einem „Point of no return“ handelt. Diesem Moment, in dem du nach kurem Zögern entscheidest, weiterzugehen und nicht mehr zurückzuschauen. Diese beiden Schwestern sind gut unterwegs und wir freuen uns, ihnen zu folgen.

www.courantdcirque.ch
Erschienen: Dezember 2017
Text: Sophie Michaud
Foto: Nadia Tarra

 

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