Stefan Hort

Der Mann, der lieber im Schatten steht als im Licht

Man nennt ihn «die Laterne» auf den ersten Blick nicht wirklich treffend für einen jungen Mann, der seit jeher lieber hinter den Kulissen als auf der Bühne wirkt. Und doch: Der Regisseur und ProCirque-Präsident Stefan Hort lässt die Bühne unter seinem Talent erstrahlen. Beleuchten wir doch den Werdegang dieses begnadeten, feinfühligen und ehrlichen Künstlers etwas näher, der Ende 2018 den Förderpreis vom Kanton Wallis erhalten hat.

Als Dreikäsehoch spielt Stefan Hort wie alle Jungs seines Alters Fussball. Aber den Ball zu treffen und vor allem: ihm hinterherzurennen, das ist Stefans Sache nicht. Er liebt das Bauen und Ineinanderfügen, er will wissen, wie und warum ein Mechanismus funktioniert. Sophie Albasini, die Direktorin der Zirkusschule Zôfy, erkennt das Talent des Jungen sofort und lässt es ihn an jeder Vorstellung Ende Jahr in vollen Zügen ausleben. Es ist also, wohlgemerkt, der kleine Stefan, der für die Zirkus-Szenografie eine Rauchmaschine, Lichttische oder einen Zauberkasten konstruiert. Schon da beginnt die Arbeit hinter den Kulissen den kleinen Mann zu fesseln.

Nach der Matura geht der gebürtige Aargauer (daher die deutsche Schreibweise seines Vornamens) «auf einen Sprung» nach Berlin und entkommt so einer Karriere als Physiker oder Luftfahrtingenieur. Aus dem zweiwöchigen Trip ergibt sich, fast wie von selbst, ein stattlicher Aufenthalt von einem Jahr. Stefan wird am Festival «Tanz im August» in den renommierten Sophiensaelen, dann am Deutschen Theater beschäftigt. Hier entdeckt er dank eines Technikers – eines Meister der Prokrastination – die klassische Musik, die stupende Interpretationsvielfalt von musikalischen Werken («eins schöner als das andere») sowie, vor allem, den Reiz der Zusammenarbeit im Theater.

«Die grossen Chefs sind nicht unbedingt jene mit den grossen Namen. Im Theater spielt jeder eine massgebliche Rolle, und keiner ist wichtiger als der andere. Das habe ich in Deutschland gelernt.» Obwohl aus Stefan mit seiner Liebe zur Technik – dem Spiel mit Lichteffekten, dem Tüfteln am Tonmischpult – ein Techniker hätte werden können, fliegt er kurzerhand nach Montréal. Dort bewirbt er sich um ein Stipendium an der «Ecole Nationale de Théâtre». Müssig zu erwähnen, dass er es auch erhält, klar. Produktionsarbeiten und praktische Übungen wechseln sich ab. «In Montréal habe ich gelernt, gelassener zu werden und nicht bei jedem neuen Projekt den Bammel zu kriegen. Heute habe ich keine Angst mehr vor verantwortungsvollen Jobs, denn wenn es einen Ort gibt, an dem du lernst, dich voll zu entfalten, dann ist es der Zirkus.»

Bei seiner Rückkehr nach Europa – nach einer zweiwöchigen Überfahrt auf einem Linienschiff, auf dem er sich im eigentlichen wie im übertragenen Sinn des Wortes förmlich entleert – erhält Stefan Hort ein Stipendium für einen Master-Studiengang in Dramaturgie an den Universitäten von Brüssel und Frankfurt-am-Main. Der Titel seiner Masterarbeit, die er mit Auszeichnung erlangt: «Die Stellung des Autors im Zirkus.» Wieder ist es das Geschehen hinter den Kulissen, das Stefan fasziniert.

Heute häuft Stefan Hort immer neue berufliche Erfahrungen an. Er hat mehrfach Regie für den zeitgenössischen Zirkus * Starlight geführt: «Balchimère» 2011, «Aparté» 2012 und «Entresort» 2013. Im Jahr 2014 gründet er mit compagnie.sh seine eigene Compagnie und kreiert Shows und Spektakel aus Theater- und Zirkuselementen: «Quartett», «Journal» und «Solution intermédiaire». Er wirkt als Beobachter bei verschiedenen Projekten mit, führt Regie beim Kindertheater «La Paternelle» im Théâtre de Beaulieu in Lausanne – mit 200 Jugendlichen auf der Bühne und 9'000 Personen im Saal – , ist mit der künstlerischen Leitung im Rahmen des Walliser Gastauftritts am kantonalen Tag der Fête des Vignerons in Vevey 2019 betraut , arbeitet Hand in Hand mit dem Programmmacher Michaël Abbet am Petithéâtre in Sitten und erhält, wie bereits erwähnt, 2018 einen Förderpreis vom Kanton Wallis.

Was gibt es noch zu sagen? Dass er Talent hat, dass er breit und einnehmend lächelt, dass er Hosenträger liebt, dass ihm Arbeit Freizeit ist, dass ihn das Körpertheater von Peeping Tom inspiriert, dass er «Zwilling» mit Aszendent «Löwe» ist – daher die Gegensätze in seinem Leben? –, dass er sich leidenschaftlich für Zirkusgeschichte interessiert und dass er immer noch unbedingt verstehen will, wie die Welt funktioniert? Natürlich, man könnte auf die zahlreichen Erfolge und Glücksmomente in seinem Leben detaillierter eingehen, aber lassen wir doch seine Schöpfungen sprechen – von ihm, von seiner reichen Gedankenwelt und von dem, was sein Innerstes zusammenhält. Und sagt er nicht selbst immer: «KünstlerInnen sind, wie WissenschaftlerInnen auch, Menschen, die uns dazu bringen, die Welt besser zu verstehen»?  

www.compagnie.sh

Nächste Vorstellungen

«Le projet F»
- vom 3. bis 7. April 2019 im TLH-Sierre
- 14. April 2019 im Théâtre du Crochetan in Monthey
- 15. April 2019 im TFM in Meyrin
- 6. Juni 2019 am «festival cirqu’» in Aarau

 

*Zeitgenössischer Zirkus: «Der zeitgenössische Zirkus kombiniert verschiedene künstlerische Genres miteinander. Es geht weniger darum, spektakuläre Nummern vorzuführen, als vielmehr um die Darstellung ausgefeilter künstlerischer Umsetzungen.» – Wikipédia, «Cirque contemporain», übersetzt aus dem Französischen.

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