Ramon Schnyder

Karotten, die an Bäumen wachsen

Junge Männer mit Gesichtspiercing und Tatoos wirken unweigerlich rebellisch. Bei manch einem wird dieser Körperschmuck jedoch bald einmal als Attitüde entlarvt. Nicht so bei Ramon Schnyder. Sein Schaffen zeugt von einer verinnerlichten Rebellion. Er tritt an gegen gängige Denkmuster und Denkfallen. Der bildende Künstler ist einer, der sich auflehnt und der hinterfragt. Ein Nonkonformist.

Damit er sich immer wieder daran erinnert, wie wichtig es ist, keine bestehenden Ansichten gedankenlos zu akzeptieren, hat er sich sein persönliches Mahnmal, einen Karottenbaum, unter die Haut stechen lassen. „Als Kind habe ich einen Karottenbaum (Rieplibäüm) gemalt. Im Kindergarten wurde ich dann darauf aufmerksam gemacht, dass es so etwas gar nicht gäbe. Damals habe ich mein Werk übermalt“, erzählt Ramon Schnyder. Die Lektion, die er dabei gelernt hatte hiess: Wenn du der Gesellschaft gefallen möchtest, musst du ihre Sichtweise übernehmen. Erst viel später, im Rahmen seiner Master-Arbeit, nahm er dieses Thema wieder auf und schuf die Installation „Rieplibäüm“. Eine Verarbeitung seiner Erfahrungen aus Kindertagen, in denen er sich noch nicht eine eigene Sicht der Dinge zutraute. „Meine Entscheidung, so zu handeln wie es die Norm verlangte, entstand aus dem Wunsch akzeptiert zu werden.“  Mit diesen unüberlegten Anpassungsleistungen sollte nun aber Schluss sein. Und so bezeichnet sich der Künstler, Designer, Grafiker und Punkrocker heute als Anarchist im Kampf gegen Normen und plattgetretene Wege.

Sein künstlerischer Werdegang ist alles andere als eine Zielgerade. Dass er bildender Künstler werden würde, zeichnete sich erst relativ spät ab. Der Gliser nahm zuerst eine Lehre als Metallbauer in Angriff. Aus gesundheitlichen Gründen musste er diese jedoch abrechen und sich mit einer Umschulung auseinandersetzen. Er entschied sich, eine Ausbildung an der ECAV, Walliser Schule für Gestaltung, zu besuchen, die er vier Jahre später als eidgenössisch diplomierter Designer abschloss. Danach liess er sich zum eidg. dipl. Berufsfachschullehrer ausbilden und erarbeitete sich noch einen Master in Fine Arts am Institut für Kunst in Basel der FHNW.  

Nachdem er einige Jahre in einem Teilpensum als Dozent für Grafik und Design an der Berufsfachschule Oberwallis unterrichtete, will er sich in Zukunft ganz auf sein eigenes Schaffen konzentrieren.  Dazu gehören Design- und Grafikarbeiten genauso wie das Gestalten von Skulpturen oder das Fotografieren. Seine Werke scheinen auf den ersten Blick von Einfachheit geprägt. Bald jedoch erkennt man, dass sie vielschichtiger sind als zuerst wahrgenommen.

„Gegenstände können eine völlig neue Wirkung entfalten, wenn sie in einen anderen Kontext gestellt oder mit einem anderen Material gemacht werden“, erklärt der 34-Jährige. So übt zum Beispiel sein Goldbarren aus Metall und Effektlack, den er in einer Museumsvitrine ausstellt, eine anhaltende Faszination auf Besucher aus. Phantasien von Reichtum oder den vielen Möglichkeiten, die einem ein Goldbarren dieser Grösse eröffnen würde, geistern unverzüglich in den Köpfen der Betrachter herum.  Einen ähnlichen Prozess erreicht er mit dem Austauschen von Materialien. Lötschentaler Tschäggättä stellte er aus Blech her. Üblicherweise werden sie aus Holz geschnitzt. Und da ist sie wieder, die leise Aufforderung Dinge zu hinterfragen und kritisch zu sein auch gegenüber Traditionen. Manchmal stellt er ein bestehendes Objekt an einem dafür ungewöhnlichen Ort auf. Eine Kinderschaukel befestigt an einer Hausfassade,  zehn Meter über dem Boden, ist unerreichbar. Es bleibt der Blick nach oben, eine Begehrlichkeit oder aber ein Gefühl von Frustration. Schnyders Kunst findet nicht zuletzt in den Köpfen der Besucher statt. Gemütsregungen zulassen, Gedanken entwickeln, diese weiterspinnen, das ist es, worum man nicht herum kommt, wenn man sich mit dem Werk des Glisers befasst.

Zusammen mit Leo Thiakos bildet Ramon Schnyder das Künstlerkollektiv  Quater/Three. „Diese Zusammenarbeit finde ich sehr inspirierend. Jeder bringt seine Gedanken ein und daraus entsteht dann etwas Neues, Einzigartiges“, sagt er. Ein Werk von Quater/Three war im Sommer 2016 entlang des Skulpturenwegs auf der Belalp zu sehen. Überdimensionale Trinkhalme regten zum Nachdenken über das Konsumverhalten und die Folgen für die Natur an.

Fragt man Ramon Schnyder wo er sich in zehn Jahren sieht, kommt die Antwort wie aus einer Pistole geschossen: „Ich sehe mich in zehn Jahren als spiegelverkehrtes Abbild im warmen Wasser einer perfekten, rechten Barrel (Welle) oder in meiner Snowboardbrille, währenddem ich den Pulverschnee wegwische." Und eines will er ganz bestimmt. Weiterhin querdenken und -handeln.  

www.ramonschnyder.com

Erschienen: Februar 2017
Text: Nathalie Benelli
Fotos: © Valérie Giger

 

Zurück