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Olivier Lovey

Offenes Gespräch mit einem Ästheten

«Du wirst sehen, er ist schüchtern. Er wird wohl nicht viel sagen.» Das war die Meinung eines Kollegen über Olivier Lovey. Nicht nur er sollte sich irren. Kaum hatte der junge Fotograf seine Ausbildung an der Ecole de Vevey absolviert, erhielt er auch schon den renommierten Swiss Photo Award. Im selben Jahr wurde ihm auch noch der Kulturförderpreis des Kantons Wallis überreicht. Wir trafen alles andere als einen schweigsamen Künstler. Seine Worte weckten augenblicklich unsere Neugier und wir wollten mehr wissen. Kein Blabla. Seine Antworten sind Zeugen einer reflektierten Betrachtungsweise über seinen künstlerischen Werdegang. Eigentlich hätte er Musiker werden wollen. Dann wandte er sich dem Video zu und wie das Leben so spielt, kommt es ganz anders und er findet sich wieder als Fotograf mit einer Menge Ideen, die er realisieren möchte.

Er sei ein schüchterner Mensch, sagt uns Olivier Lovey. Die Fotografie ist für ihn auch ein Mittel mit Menschen in eine Beziehung zu treten. Seine Karriere beginnt er mit Fotos von Freunden, Mädchen, Modellen… hunderte von Sujets. Aber weil ein Gesicht eines sehr schönen Mädchens die volle Aufmerksamkeit auf sich lenkt, entscheidet er sich, etwas anderes zu machen. Was ihn interessiert, ist die Illusion, die Täuschung, die Verwechslung mit dem Echten oder die Schaffung unendlicher Korridore. Die Grenzen zwischen Frauen und Männern aufzulösen, findet er ebenfalls spannend. Eine seiner ersten Serien in diesem Zusammenhang trug den Titel «We are men»: Porträts mit nacktem Oberkörper von Männern und Frauen, die mit festem Blick in die Kamera schauen. Mächtig und überraschend. Von Angesicht zu Angesicht – das ist sein Ding. Daneben übernimmt Olivier Lovey Auftragsarbeiten, macht Modefotografie, veröffentlicht Kataloge und verkauft Fotos seiner berühmten Serie «Heimweh». «Ich langweile mich sehr schnell. Deshalb benutze ich für alle meine Serien eine andere Technik und andere Blickwinkel.» Dadurch erzählt er immer wieder neue Geschichten. Die Realität der Dinge, die er fotografiert, interessiert ihn weniger. Er beschreibt sich selber als Opportunisten. Er nutzt die Leidenschaft seiner Modelle, die Schönheit eines Dekors oder die Vorliebe für Folklore und traditionelle Trachten, um sie druch einen fotografischen Filter abzubilden.

Jedes Projekt beginnt er ohne vorgefasste Meinung. «Ich bereite meine Aufnahmen immer vor, aber auf dem Terrain passiert dann oftmals etwas ganz anderes. Die Chance auf ein starkes Bild ist grösser, wenn du selber überrascht wirst», vertraut er uns an. Für seine aktuelle Serie «Miroir aux alouettes» (Der Lerchenspiegel) verbringt Olivier Lovey viel Zeit, Planen oder riesige Kleber in Ausstellungsräumen auszulegen. Die Natur am Stadtrand, in Scheunen oder Chalets erinnert an Margittes Bild «la condition humaine». Eine Illusion, die uns träumen lässt.

Mit Sicherheit ist Olivier Lovey ein Ästhet, ein schöner Mann, der das Schöne liebt. Auch wenn in seiner Wohnung, nach seinen Aussagen, keine dekorativen Elemente zu finden sind und manchmal Unordnung herrscht. Aber der Fotograf ist sensibel, was den Blick auf seine Umgebung betrifft. Als ein Neuenburger Galerist gegenüber ihm zugab, dass er seine Arbeiten nicht kenne, sagte sich Olivier Lovey: «Du hast eine falsche Vorstellung von deiner Bedeutung.» Er machte fast ein Jahr Pause von der Fotografie und widmete sich dem Video. Aber der Wind drehte und nach und nach kam sein Elan für die Fotografie zurück. Professionelle Kulturschaffende wie Stefano Stoll (festival Image à Vevey), Sacha Reiner (galerie Coalmine), Arianna Catania (festival photoroad Gibellina), Céline Eidenbenz (Musée d’art du Valais) oder Véronique Mauron (la Grange de la Ferme-Asile) interessierten sich für seine Arbeit und luden ihn zu neuen Zusammenarbeiten ein.

Hinter dem festen und manchmal distanzierten Blick des Fotografen versteckt sich das Lächeln eines Künstlers, der sagt, was er denkt. Ohne Umwege und Tabus legt er seine Zweifel, seine Sensibilität und seine Sichtweisen offen. Auch wenn er dadurch verletzlich wird. Das Publikum honorierte seine Aussagen anlässlich der Kulturpreisverleihung des Kantons Wallis 2018 mit langanhaltendem Applaus. Man hätte ihn an diesem Abend noch gerne länger über seine Kunst reden hören.

www.olivierlovey.ch

Erschienen: Dezember 2018
Text: Sophie Michaud
Fotos: © Diana Pfammatter

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