David Zehnder

Treiben in Bilderfluten

Viele Erwachsenen akzeptieren, dass ihre Biografie von einer Verarmung geprägt ist: Sie nehmen den Weg von den Höhen und vielfältigen Empfindungen eines Kindes hinab ins Tal des Funktionierens im Alltagstrott in Kauf. Sinneseindrücke und Stimmungen bleiben dabei oft wie Sedimentschichten unter der Oberfläche verborgen. David Zehnder ist ein Künstler, der den Zugang dazu behalten hat. Er geht diese Wege nicht aktiv suchend. Vielmehr lässt er sich vom untergründig Wirksamen finden.

Es ist unter anderem das Internet, das ihm Reisen ins Innere erlaubt. Hier lässt er sich treiben in den unendlichen Bilderfluten. Und wenn ihn ein Bild anspricht, betrachtet er das Gesehene genauer. Die Hintergründe  warum ein Bild veröffentlicht wurde, interessieren ihn. Er wird zum Forscher und Sammler, sucht nach weiteren, ähnlichen Bildern. „Die Auswahl, die man aus Millionen von Fotos und Videos trifft, hat immer etwas mit einem selbst zu tun. Kein anderer Mensch würde die genau gleichen Bilder in eine Reihe stellen wie ich“, sagt David Zehnder. Seine Bilderfolgen wirken sehr persönlich, auch wenn nicht er es ist, der diese Fotos gemacht hat. Die Inhalte, die er dabei aufgreift sind mehr als eine persönliche Nabelschau. Der visuelle Künstler tritt als feinsinniger Beobachter gesellschaftlicher Themen und menschlicher Abgründe auf den Plan. Er nimmt wahr was ist und zeigt es. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ein Beispiel für sein Schaffen stellt die Fotoreihe „Different Bodybuilders with different Newspapers in front of different  Backgrounds“ dar. Traurig blicken die abgelichteten Menschen in die Kamera und halten eine Zeitung in der Hand. Sie erinnern an Opfer von Entführungen, die von Lösegelderpressern  fotografiert wurden. Auf den ersten Blick ist nicht ersichtlich, zu welchem Zweck diese Bilder gemacht wurden. Erst durch das Aneinanderreihen von ähnlichen Fotos erschliesst sich dem Betrachter der Sinn dieser Zeitdokumente. Die Frauen und Männer auf den Bildern sind keinesfalls Betroffene krimineller Taten, sondern Opfer ihrer selbst und ihrer Vorstellung eines perfekten Körpers. Mit den im Internet veröffentlichten Fotos wird der Anfang einer Diät oder eines harten Trainings markiert. Der Blick der Internet-Community soll die Motivation steigern, um das hochgesteckte Ziel zu erreichen. Klar, dass ein paar Monate später ein Bild vom optimierten Ich im Netz auftauchen sollte. Aber das ist nur selten der Fall. Und so wirkt der Blick dieser „Versager“ umso trauriger.

David Zehnder hinterfragt durch sein Werk eine Gesellschaft, die den Körperkult zum Massstab für Erfolg gemacht hat. Der Bezug zur eigenen Körperlichkeit ist für David Zehnder nicht immer ganz einfach. „Als Künstler arbeitet man oft geistig und ist kreativ. Da muss man sich vielleicht mehr als andere immer wieder bewusst im eigenen Körper verankern“, sagt der 39-Jährige.

Der gebürtige Briger sieht keinen grossen Unterschied darin, ob er als professioneller Fotograf Fotos aus dem Internet fischt oder sie selber schiesst. Die Aufgabe des Künstlers sieht er darin, Bilder in einen neuen Kontext zu stellen. Hirsche, die von Jägern durch Fotofallen abgelichtet wurden, werden auf edlem Papier zu Kunstobjekten. Unbesehen davon, dass sie eigentlich nur Nachweis für schiessbares Wild sein sollten. Fotos auf denen chirurgische Geräte auf himmelblauem Hintergrund angepriesen werden, bekommen in David Zehnders Arbeit etwas Beklemmendes.

Dem Künstler ist es wichtig, sich nicht nur mit Innenwelten zu beschäftigen, sondern die positive Energie des Kunstschaffens auch nach aussen zu tragen. 2013 hat er mit einem Künstlerfreund das Kollektiv „Teaching Artists“ gegründet. Seither konzipiert er partzipative Kunstprojekte mit Menschen aller Generationen. Mit originellen Projekten an Schulen, Museen, Mediatheken und anderen institutionen entfacht er bei den Teilnehmenden die Leidenschaft für Kunst und Kultur.

Sein Projekt „Welt im Dorf“, das er im Rahmen der kulturellen Teilhabe durchführt, geht in eine ähnliche Richtung. In einem gemeinsamen Schaffensprozess versucht er mit der Bevölkerung von Simplon-Dorf  Fragestellungen rund um das Dorf zu visualisieren. Die interessierte Gruppe wird von David Zehnder während einem Jahr begleitet. In periodischen Treffen wird das entstandene Bildmaterial der „Dorfreporter“ begutachtet, besprochen und untersucht. Die entstehenden Reportagen sollen einen Einblick in soziologische, architektonische oder historische Themen des Ortes an der Simplon-Südseite geben. Sie werden später im Museum von Simplon-Dorf (Ecomuseum) ausgestellt.

Der Walliser Künstler wohnt in Basel und arbeitet in Bern. Er hat seine Fotografien und Videos schon an zahlreichen Kunstausstellungen im In- und Ausland zeigen können und wird von der CIE Contemporary Gallerie in Mailand vertreten. Regelmässig ist er im Rahmen seiner verschieden Projekte im Wallis anzutreffen. Das Pendeln quer durch die Schweiz macht ihm nichts aus. Wo er arbeitet spielt für ihn keine Rolle, aber Veränderungsprozesse anstossen, das möchte er, wo immer es möglich ist. Und manchmal nimmt er dazu auch selber die Kamera in die Hand.

David Zehnder  
Teaching Artist  
Zehnder Photography
Contempory David Zehnder 

Erschienen: Mai 2017
Text: Nathalie Benelli
Fotos: © Valérie Giger

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