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Camille Cottagnoud

In gebührendem Abstand

Wenn Sie eine Ausstellung in der «Grange» des Kulturzentrums Ferme-Asile in Sitten besuchen, laufen Sie unweigerlich über ein Werk von Camille Cottagnoud. Er war es nämlich, der zusammen mit einem Kollegen den Holzboden des Ausstellungsraums verlegt hatte. Das ist nicht unbedingt das Fachgebiet des Kameramanns aus Vétroz, aber als 1993 der Bauernhof Ferme-Asile in ein Kulturzentrum umgebaut wurde, legte Camille Cottagnoud Hand an. Die Zufälle des Lebens gepaart mit seiner Anziehung für das Gehöft führten dazu, dass er an dieser Kulturstätte im Laufe der Jahre verschiedene Rollen einnahm. Er war Administrator, Komitee-Mitlgied, Architekt, Bastler, Vize-Präsident etc. Die Ferme-Asile trägt er unter der Haut wie andere ein Tatoo. Camille Cottagnoud hat inzwischen sein Nomadenleben wieder aufgenommen, aber für das Interview treffen wir uns an dem Ort, der ihm so viel bedeutet.

Normalerweise versteckt sich Camille Cottagnoud hinter seiner Kamera. Im Gespräch mit uns offenbart er sich als sensibler Mensch. Sein Lehrmeister war der Fotograf Oswald Ruppen. Vielleicht war er es, der ihn gelehrt hat, die Kamera in gebührendem Abstand zu den Film-Protagonisten aufzustellen. «Ich merke sofort, wenn sich die Film-Protagonisten von meiner Kamera gestört fühlen. Ich ziehe mich dann reflexartig zurück.»

Nach der Lehre als Fotograf wandte er sich autodidaktisch dem Beruf des Kameramanns zu. Zu der Zeit gab noch keine Schule, an der man sich zum professionellen Kameramann hätte ausbilden lassen können. Er kaufte sich eine günstige Video-Kamera und begann zu filmen.  «Die Video-Kamera erlaubte mir, lange Aufnahmen zu machen. Aus denen schnitt ich dann alle wichtigen Momente zusammen. So hatte ich gute Aussichten eine besondere Situation oder eine zufällige Entwicklung einzufangen.»  

Das Interesse des Förderpreisträgers des Kanton Wallis 2009 gehört dem Dokumentarfilm.  «Spielfilme zu drehen ist ein schöner Beruf. Aber es ist nichts für mich. Mich interessiert der Kern einer Situation. Ich will ohne Inszenierung und Künstlichkeiten zeigen, wie sich Dinge entwickeln. »

Wie ein Chamäleon passt er sich beim Drehen den unterschiedlichsten Situationen an. Immer in den Ohren hat er dabei den Satz, den seine Mutter ihm als Kind immer wieder sagte: «Camille, sag nie ich kann das nicht». So arbeitete er hartnäckig an der Verwirklichung seines Traums. Er hat seine Bilder auf grossen Leinwänden gesehen: «La forteresse» von Fernand Melgar, «Docteur Jack» von Benoît Lange und Pierre-Antoine Hiroz oder «Hiver Nomade» von Manuel von Stürler. Für letzteren erhielt Camille Cottagnoud den «Quartz 2013» für die beste Kamera beim Schweizer Filmpreis und eine Nomination für den Spotlight Award der Fachjury in Hollywood. «Einen Preis zu erhalten, ist wie ein Etappenziel zu erreichen. Es ist eine kostbare Anerkennung der Film-Akademie. » Und lachend fügt er hinzu: «Obwohl ich selber kein Akademiker bin».

Welches der Film sei, der ihn am meisten beeindruckte, wollten wir wissen. «Of Man and War» von Laurent Bécue-Renard. «Dieser Film ist ein tiefes Eintauchen in die Materie. Er erlaubt ein Mitleben mit den Protagonisten, ein Folgen ihrer Handlungen und Entwicklungen. Man erkennt ihre enormen Schwierigkeiten, die sie bei der Rückkehr vom Kriegshorror zu ihren Familien zu bewältigen haben. »

Der Künstler übernimmt auch Mandate für das Fernsehen. So zum Beispiel für die Sendung «Passe-moi les jumelles». Er zollt den Kameraleuten Respekt, die anders als beim Kino, 20 Reportagen nacheinander in hohem Tempo produzieren und die in fast völliger Anonymität arbeiten.

Die neuste Produktion von Camille Cottagnoud wird er im Oktober 2017 veröffentlichen. Davon spricht er schon mit glänzenden Augen und unverhohlener Freude.  Da er auch ein Bastler ist, tüftelt er immer wieder auch an technischen Verbesserungen. So entwickelte er zum Beispiel einen anpassbaren Steuergriff für die Kamera. Damit muss er sich nicht mehr bewegen, wenn er ohne Stativ dreht und die Tasten passen sich der Grösse der Hand an. Für die Entwicklung dieses Produkts «Made in Switzerland» mit dem Namen CAMAN benötigte er mehr als 10 Jahre. CAMAN ist wasserdicht, reparierbar und gebaut von lokalen Handwerkern. Es soll so ökologisch wie möglich sein.
«Dank meinem Freund und Ausbildner Robert Hofer habe ich verstanden, dass es eine Stärke sein kann, einen sensiblen Blick auf die Welt um uns zu lenken.» Und wenn man bloss einen seiner Filme gesehen hat, versteht man sofort, was er damit meint.

Camille Cottagnoud

Text: Sophie Michaud
Photos : Nadia Tarra

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