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Berclaz de Sierre

Die Haut von Johnny Depp
 

Der Künstler ist zweimal geboren. Das erste Mal 1961 in Siders und das zweite Mal 1986 in Paris anlässlich einer Vernissage, bei der er seinem Namensvetter gegenüberstand. Seit diesem denkwürdigen 15. April 1986 lautet sein Künstlername Berclaz de Sierre. Er wurde von Leonardo di Piero, der in Vinci geboren wurde, inspiriert, seinen Herkunftsort als Namen zu verwenden. Ausserdem wurden sie Freunde: Berclaz de Sierre und Leonardo da Vinci. Nicht mit dem bekannten Maler und Ingenieur aus Florenz, aber mit dem unbekannten Namensvetter des berühmten Italieners. Gefunden hat er ihn nicht in Italien, sondern in der Schweiz. Daraus entwickelte er seine Arbeit «Les Equivoques». Er porträtierte unbekannte Männer und Frauen, die denselben Namen tragen wie Prominente. Der Künstler Berclaz de Sierre ist sehr humorvoll. Vielleicht möchte er bewirken, dass wir unser Bild und die Bedeutung von Prominenz hinterfragen. Seine Schaffensreihe wurde im Musée de l’Elysée in Lausanne, im Centre d’art contemporain in Genf, im Kunstmuseum Sitten sowie auch in Mailand und Lissabon ausgestellt. Eine permanente Ausstellung seiner Bilder ist zudem im du Lycée collège de la Planta in Sitten zu sehen.

Viele seiner Werke widmen sich der Frage nach Identität. Zum Beispiel realisierte er das Projekt «Personne – Niemand, 1903-2004». Eine Installation mit Grabsteinen auf denen der Familienname Niemand oder Nobody zu finden ist. Die Ausstellung «Triplex», die er 2013 in der Ferme-Asile in Sitten zeigte, kombinierte er die Namen von Möbeln so, dass sie als Komposition den Namen einer Berühmtheit ergaben. Der Besucher fand sich in einer eingerichteten Wohnung wieder. Das Sofa mit dem Namen Umberto stand auf einem Teppich, der mit Eco angeschrieben war. Da lag ein Pyjama mit der Beschriftung Woody neben einem Bett mit dem Namen Allen. Mehr als 600 Assoziationen zwischen Personen und Möbeln bot er den Besuchern dar; sein Zahnarzt und einige Freunde sind Teil seiner persönlichen Sammlung.

 «Die Gedanken kommen mit der Arbeit. Zu Beginn kalkuliere und plane ich nichts», erklärt der Künstler. «Ich denke, die Ideen fallen dir zu, wenn du bereit bist., wenn du die Dinge auf dich zukommen lässt.»

Während des Interwievs entdecke ich eher den Menschen als den Künstler. Ein sehr bescheidener Mensch mit tiefgründigen Überlgungen und einer grossen Sensibilität, der viel Wert auf die Wahl seiner Worte legt. Er nimmt sich Zeit, überlegt, um mit uns über das zu sprechen, was ihm auf dem Herzen liegt: sein Treffen mit Johnny Depp.

Sie haben sich nur ein einziges Mal 2008 gesehen, doch es war ein Schock für ihn. Zehn Jahre später zwingt ihn Johnny Depp immer noch sich zu hinterfragen. «Als ich ihn sah, sagte ich mir ‹Ich muss seine Haut retten!› Ich habe nur seine Haut gerettet. Heute würde ich ihn retten.» Johnny Depp ist ein Stier, der 21 Monate zu Leben hatte und der nachdem ihm 30000 Spermieneinheiten abgezapft worden waren, geschlachtet wurde. Dieser Stier ist einer von vielen, die in einem bestimmten System leben. Einzig sein spezieller Namen unterscheidet ihn von den anderen.  
Für den Künstler ist er Sinnbild für den Umgang der Menschen mit den Tieren. Er zeigt die Beziehung der Gesellschaft zu Nahrungsmitteln auf. Für Berclaz de Sierre sind es nichts anderes als Arbeitslager für Tiere, die nach streng wirtschaftlichen Strategien eingerichtet und unterhalten werden. Berclaz de Sierre sammelt neben all seinen anderen künstlerischen Projekten Informationen über Johnny Deep und seine Nachfahren. Eine erste Ausstellung dazu realisierte er in Comogne bei Crans-Montana, eine weitere in Sitten im Atelier du Nord und bald folgt eine nächste in im Château de Nègrepeliss in Frankreich. Kann Kunst die Welt verändern? Daran glaubt der Künstler nicht. Aber daran, dass Kunst die Sicht auf die Welt verändern kann.

Der Preisträger der Börse des Instituts des Hautes Etudes en Arts Plastiques, Paris, im Jahr 1989, der Förderpreisträger 2006 des Kantons Wallis, der Begünstigte der ArtPro-Unterstützung 2015 ist nicht in der Lage nichts zu tun. Jedes neue Projekt nimmt noch grössere Formen an. «Das ist ein bisschen mein Problem», sagt er lachend. «Es gibt diese Bessesenheit in meiner Arbeit.» Preise und Börsen bedeuten für ihn Freiheit. Dadurch kann er unabhängiger seine Kreationen vorantreiben. Wobei er präzisiert: «Ich bin nicht freier als andere Menschen. Aber ich realisiere, du bist es, der die Freiheit kreiert.»

Ich verabschiede mich von einem glücklichen Menschen, der nicht fotografiert werden wollte. «Wozu auch?» Er bevorzugt es an seiner Stelle Johnny Depp zu platzieren. Vielleicht gelingt es Berclaz de Sierre mit dem Fortsetzen seiner künstlerischen Arbeit, dem Leben und Sterben dieses Stiers einen anderen Sinn zu geben.

Nächste Ausstellung:
La Cuisine, centre d’art et de design, Château de Nègrepelisse (F)

Erschienen: Oktober 2018
Text : Sophie Michaud
Photos : ©Berclaz de Sierre

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