Angela Werlen

Das Gespür für Gemeinschaft

Als Treffpunkt für unser Gespräch schlägt Angela Werlen das Haus des 1998 verstorbenen Volkskundlers Arnold Niederer in Ferden vor. Niederer beschäftigte sich intensiv mit dem Alltag und der Kultur der Lötschentaler Bevölkerung. Er verfasste neben einer Vielzahl von Werken eine Dissertation mit dem Titel „Gemeinwerk im Wallis“. Angela Werlen scheint dieses „Gemeinwerk“ in den Genen zu tragen. Ging es beim gemeinschaftlichen Engagement früher unter anderem auch darum, die Gemeindeäcker umzubrechen, beackert die bildende Künstlerin heute das kulturelle Terrain. Und das tut sie mit dem ihr eigenen, ausgeprägten Sinn für Gemeinschaft.

Die Lötschentalerin bietet Künstlern regelmässig Ausstellungsgelegenheiten an. So zum Beispiel im Rahmen des Projekts „Kunst & Kultur im Schtadl“. Im August 2016 wird die Gruppenausstellung, die sie zusammen mit dem Kulturverein Chiipl organisiert, bereits zum achten Mal ihre Tore öffnen. An diesem Anlass beleben die Werke junger Kulturschaffender alte Gebäude in Kippel. „Bei solchen Zusammenarbeiten können alle Mitmachenden profitieren“, ist Angela Werlen überzeugt. Durch den Blick der anderen Künstlerinnen und Künstler könne sie ihren Alltag und ihre Heimat mit neuen Augen sehen. Zudem hält Angela Werlen fest: ,,Die neue Generation von Kulturschaffenden hat das Einzelkämpfertum weitgehend abgelegt. Die Kreativen formieren sich zu Arbeitsgruppen und schaffen Künstlerkollektive. Man kann nicht mehr isoliert arbeiten und warten, bis man entdeckt wird.“ Das Erfolgsmodell der Akteure der zeitgenössischen Kunst sieht ein Geben und Nehmen vor.

Angela Werlen ist eine aufmerksame Beobachterin. In ihren kleinformatigen Zeichnungen hält sie Details fest und speichert so ihre Erinnerungen. „Fotografieren ginge mir zu schnell. Beim Zeichnen braucht es mehr Geduld“, erklärt sie ihre Liebe zur Langsamkeit. Wie eine Tastende nähert sie sich behutsam dem Wesen des Wahrgenommenen. Und es scheint, als ob sie sich in feierlicher Stille dem Kern der Dinge näherte und durch die filigranen Strukturen dessen Zauber ausströmen liesse.

Anhand eines Postkartenprojekts lässt sich die Art und Weise ihres Schaffens dokumentieren. Seit längerer Zeit schicken sich Angela Werlen und Isabelle Blumer in regelmässigen Abständen eine gezeichnete Postkarte. Mit der bildlichen Korrespondenz schaffen die beiden Künstlerinnen von Zeit zu Zeit eine Installation. Verbunden durch Fäden und Garne ergiebt sich aus den auf Papier festgehaltenen Eindrücken ein Mobile aus flüchtigen Alltagsepisoden. Geschichten, die jeder Betrachter selber zusammensetzen und interpretieren konnte. „Es interessiert mich, was andere in meinen Werken sehen. Jeder bringt seine eigenen Erfahrungswelten mit. Dadurch entstehen neue Geschichten in den Köpfen der Betrachter.“

Neben den Zeichnungen gehören Collagen und Installationen zu Angela Werlens bevorzugten Ausdrucksweisen. Sie versteht es, verschiedene Materialien in unterschiedliche Bedeutungsebenen zu transformieren. Schon als Kind beschäftigte sie sich ausgiebig mit Zeichnen, Malen und Gestalten. Sie hatte Glück, dass ihr Talent in der Schule gefördert wurde. Ein Praktikum bei der Künstlerin und Lehrerin für Bildnerisches Gestalten am Kollegium in Brig, Petra Fankhauser Mengis, bestärkte sie darin, diese Begabung zu nutzen und zum Beruf zu machen. 

Inzwischen arbeitet sie neben ihren freiberuflichen Tätigkeiten als Künstlerin und Kunstvermittlerin als Lehrerin am Kollegium Spiritus Sanctus und an der Pädagogischen Hochschule in Brig. „Den zukünftigen Lehrpersonen zeige ich viele Techniken auf, mit denen Schüler nichts falsch machen können“, erklärt Angela Werlen ihre pädagogischen Ansätze. „Die Kinder sollen die Freude am kreativen Schaffen behalten und nicht demotiviert werden.“ Dass das möglich ist, erlebt sie selbst immer wieder bei Kulturvermittlungsprogrammen und Workshops, die sie für Schulen anbietet.   

Angela Werlen hegt noch einen Traum jenseits der Klassenzimmer. So möchte sie gerne mit dem Schiff nach Amerika überfahren und jeden Tag eine Begebenheit oder etwas Gesehenes zeichnerisch festhalten. Es würde uns erstaunen, wenn sie nicht schon bald die hohen Berge des Lötschentals mit den Weiten des Meeres tauschen würde. 

Kontakt

www.angelawerlen.tumblr.com

Erschienen: Juli 2016
Text: Nathalie Benelli
Fotos: © David Zehnder

Zurück