Anette Kummer

«Im Wallis fühle ich mich zu Hause.»  


«Malerisch» dieses Wort fällt einem in Gegenwart der Künstlerin Anette Kummer immerzu ein. Beim Betreten ihres Ateliers, einer ehemaligen Schmiede im alten Dorfkern von Naters; beim Anblick der schweren Werkzeuge und wuchtigen Druckpresse; beim Betrachten ihrer Bilder und Objekte, vor denen man mal staunend, mal verzaubert verharrt. Auf dem Schreibtisch türmen sich die Bücher. «Lesen inspiriert mich», sagt die in Essen geborene Künstlerin mit dem feinsinnigen Lächeln, «ich habe nie kein Buch bei mir.»

Malerisch mutet auch das Licht an, das an diesem sonnigen Nachmittag gelbgolden ins Atelier fällt. Anette Kummer serviert dampfenden Kaffee und wechselt von ihrem wohlklingenden Deutsch fliessend ins Französische, um sich mit dem Fotografen zu unterhalten. «Ich habe während meines Kunststudiums in Münster nebenbei noch Romanistik studiert», erklärt sie. Aber Lehrerin wollte sie nicht werden, sondern Künstlerin, und darum hat sie noch vor dem Kunststudium – gleich nach dem Abitur – eine Theatermalerlehre an den städtischen Bühnen von Dortmund absolviert. Anette Kummer erinnert sich gern an den grossen Malsaal, in dem rund zehn Maler* nach Entwürfen der Bühnenbildner arbeiteten. «Damals dachte ich noch, dass ich zur Inspiration nach Vorgaben malen müsse», erzählt sie lachend, «aber während des Kunststudiums in Münster wurde mir schnell klar, dass ich alles aus mir selbst schöpfen kann.» Die gegenseitige Inspiration unter den Kunststudenten habe sie als befruchtend empfunden, sagt sie im Rückblick, nicht aber den Umstand, dass alle im selben Raum arbeiten mussten. Inspirieren lässt sich Anette Kummer bis heute gern von anderen Kunstschaffenden, überhaupt von Menschen und ihren Geschichten. Sie, die seit 2003 mit ihrem Mann, einem deutschen Arzt, im Wallis lebt, ist aktives Mitglied in mehreren Künstlervereinigungen. «Ich habe im Wallis viele wertvolle Freundschaften geschlossen», sagt sie.

Ob es Themen gibt, die sie in ihrer langen Künstlerkarriere konstant begleitet haben? «Die Natur ist ein grosses Thema», entfährt es der Künstlerin spontan, die sich in der Walliser Berglandschaft von Anfang an wohl und willkommen gefühlt hat. Mittlerweile hat sie sogar den Schweizer Pass. Sie arbeite in Kreisen, meint Anette Kummer, immer wieder komme sie im Lauf der Zeit auf ein Thema zurück und entwickle es weiter. Sie zeigt auf einen Reliquienkasten, in dem allerlei kleine, aparte Kunstobjekte ausgestellt sind: «Mich interessiert auch das Kleine, vermeintlich Unscheinbare» sagt sie. Zudem setze sie sich immer wieder mit dem auseinander, was Menschen bewegt und ihnen Struktur gibt, wie z. B. die Religion oder Zeichen und Ornamente.

Neben der künstlerischen Gestaltung von Objekten, der Malerei und der Fotobearbeitung gilt das Hauptaugenmerk der Künstlerin seit den 1990er-Jahren der Druckgrafik. Auf Letzteres angesprochen, blitzen Anette Kummers schöne grüne Augen auf. «Da ist erst mal das Handwerk», sagt sie, «das man im Lauf der Jahre zu verfeinern und zu variieren lernt. Die künstlerische Arbeit im Bereich des Tiefdrucks ist darum so spannend, weil man das Ergebnis nie genau voraussehen kann. Das Endresultat hängt von vielen Kriterien wie z. B. vom Ätzvorgang oder von der Beschaffenheit des Papiers ab. Der Zufall spielt immer mit. Es ist ein Spiel mit den Möglichkeiten.» Beim Betrachten ihrer Werke fallen vor allem der ausgeprägte Sinn für Proportionen und Anordnungen sowie die intensiv leuchtenden Farben auf. Die Künstlerin scheint bei aller Lust am Zufall und Unvorhergesehenen recht strukturiert vorzugehen. «Ja, ich weiss immer, worauf ich hinauswill», bestätigt sie, «aber das, was auf dem Weg dorthin passiert, das ist das Aufregende.» Sprichts und leuchtet von innen heraus, dass man sich gleich selbst an die Druckpresse stellen möchte …

Anette Kummer präsentiert ihre unverkennbaren, kontinuierlich sich entwickelnden Werke seit Jahrzehnten an Einzel- und Gruppenausstellungen. Hat sie ihren Stil jetzt endgültig gefunden? Die sympathische Künstlerin lacht. «Angekommen bin ich höchstens hier im Wallis», sagt sie, die ihrem Leben zig-mal umgezogen ist. «Bei meiner künstlerischen Arbeit wechseln sich Phasen des Suchens mit Phasen des Probierens und Produzierens ab.» Während des Kunststudiums, hat sie vorhin wie nebenbei erwähnt, habe sie gelernt, sich ständig zu hinterfragen. Das müsse man auch aushalten. «Nicht-kreative Phasen muss man auch aushalten können», sagt Anette Kummer jetzt wieder, und man kommt nicht umhin, diese Frau für ihre Sensibilität und ihre Offenheit zu bewundern – dafür, dass sie sich bzw. ihr Schaffen nach einer so langen Karriere immer noch oder immer wieder von Neuem in Frage stellt.

«Ich bin dankbar, dass ich mein Leben lang das tun konnte, was ich am liebsten tue», bemerkt die Künstlerin mit dem feinsinnigen Lächeln, «ich habe Glück gehabt.» Das meint sie auch im Hinblick auf ihren Mann, den sie in sehr jungen Jahren kennengelernt hat. Sie findet es bereichernd, dass ihr Mann und sie zwei völlig verschiedene Berufe haben. «Am schönsten ist es, wenn wir uns abends zu Hause im Hegdorn treffen und zusammen kochen», meint die zierliche Künstlerin, und wieder leuchtet sie so von innen heraus, dass man gern noch ein Weilchen dableiben möchte.  

*generisches Maskulinum für alle Geschlechter im ganzen Text

www.anette-kummer.ch

Fotos: ©Olivier Lovey
Text: Cornelia Heynen
Erschienen am 1. Juni 2019

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